Wirtschaft ist Care

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Gebären

Autor*innen: Hannah Sommerhoff, Sophie Bojanowsky, Magdalena Zimmermann

Adresse

Lindenthaler Geburtshaus e.V.
Aachener Straße 338
50933 Köln

Bild: Eigene Darstellung

Lindenthaler Geburtshaus e.V.

Im Lindenthaler Geburtshaus in Köln werden seit 2021 außerklinische Geburten sowie Schwangerschafts- und Wochenbettbetreuungen angeboten. Die Einrichtung richtet sich an Gebärende mit dem Wunsch nach einer selbstbestimmten Geburt außerhalb des klinischen Settings und gewährleistet eine kontinuierliche Hebammenbegleitung inklusive 24-stündiger Rufbereitschaft. Die Arbeit basiert auf dem Solidaritätsprinzip: Der Zugang zur Versorgung soll unabhängig von der individuellen finanziellen Leistungsfähigkeit möglich sein; die entstehenden Kosten werden gemeinschaftlich getragen, um soziale Ungleichheiten im Zugang zu reduzieren (Lindenthaler Geburtshaus o. D). Aufgrund struktureller Veränderungen an der Universitätsklinik Köln muss das Geburtshaus seine bisherigen Räumlichkeiten aufgeben.

Quelle: //www.lindenthaler-geburtshaus.de/


Wirtschaft ist Care

Alle Menschen beginnen ihr Leben mit der Geburt – ein Moment des Lebens, der eigentlich von Fürsorge, Vertrauen und menschlicher Nähe geprägt sein sollte. Doch immer stärker wird dieser zutiefst persönliche und existenzielle Akt von ökonomischen Logiken durchdrungen: Effizienz, Zeitmanagement und Kostenoptimierung bestimmen heute zunehmend, wie Geburtshilfe organisiert und angeboten wird.

Geboren werden ist aber mehr als ein medizinischer Vorgang. Es ist der Beginn von Leben und Gemeinschaft. Vom geburtlichen Menschenbild her gedacht beginnt Ökonomie nicht mit Zahlen, sondern mit Beziehung: „mit dem plazentaren Tauschverhältnis zwischen Mutter und Fötus“ (Praetorius 2011, S. 551), mit der Gabe von Muttermilch, mit Sprache und Fürsorge. An diesem Übergangspunkt sollten daher nicht ökonomische Effizienzüberlegungen entscheiden, sondern menschliche Bedürfnisse, Zeit für Zuwendung und der Raum für individuelle, fürsorgliche Begleitung. Ohne die fürsorgende Arbeit an den Nachkommen gäbe es keine Menschen. Und ohne Menschen braucht es keine Wirtschaft.

Diese Ökonomisierung fürsorglicher Tätigkeiten ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer breiteren politischen und gesellschaftlichen Entwicklung. Sinkende Geburtenzahlen und die Alterung der Gesellschaft werden zunehmend als wirtschaftliches Problem verhandelt, während Frauen zugleich stärker in den Arbeitsmarkt integriert und weiterhin zur Geburt von Kindern angehalten werden (Schilliger 2009, S. 98). Die offiziell breit geteilte Forderung nach der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ bleibt dabei meist oberflächlich: Statt strukturelle Voraussetzungen zu schaffen, werden Verantwortung und Belastungen an Familien, und damit vor allem an Frauen, delegiert (ebd. S. 98 f.). Zentrale gesellschaftliche Aufgaben wie Geburt, Betreuung, Pflege und Versorgung werden als private Angelegenheiten behandelt und der politischen Auseinandersetzung entzogen (ebd., S. 99). Diese Re-Privatisierung von Care-Arbeit führt zu einer Zunahme unbezahlter, unsichtbarer Arbeit und macht deutlich, wie sehr fürsorgliche Tätigkeiten im neoliberalen Geschlechterregime entpolitisiert und ökonomischen Effizienzkriterien untergeordnet werden (ebd.).


Meinung

Die Schließung des Geburtshauses in der Uniklinik Köln und der damit einhergehende Umzug macht sichtbar, wie sehr Care-Arbeit, wie Geburten, in unserer Gesellschaft unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit leidet: Wo Räume für Zuwendung, Verbundenheit und menschliche Präsenz sind, stößt die Logik von Effizienz, Bettenkapazität und „Produktivität“ unter Finanzierungsvorgaben an ihre Grenzen. Was bedeutet es, wenn der Ort der Geburt nicht mehr den Menschen, sondern den Profit priorisiert? Und was verlieren wir, wenn elementare Erfahrungen der Fürsorge einer ökonomisierten Gesundheitslogik weichen müssen?

Quellen: Lindenthaler-Geburtshaus, www.lindenthaler-geburtshaus.de, Stand: 04.03.26, Abruf: .

Praetorius, Ina., in: Concilium: internationale Zeitschrift für Theologie, Jg. 47 (2011) Nr: 5, Die Ökonomie der Geburtlichkeit 546-554. DOI: //doi.org/10.25595/1144.

Schilliger, Sarah (2009): Who cares? Care-Arbeit im neoliberalen Geschlechterregime, in: WIDERSPRUCH Heft Nr. 56, S. 93-106.