Wirtschaft ist Care

Intro

Autor*innen: Yasemin Fleischmann, Benedikt Hoppe, Bastian Janßen

Was hat Wirtschaft mit Fürsorge zu tun? Mehr, als man denkt! Unser Verständnis von Wirtschaft ist oft geprägt von Zahlen, Wachstum und Märkten – doch was wäre, wenn wir Wirtschaft neu denken? Wirtschaften bedeutet ursprünglich, die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen, auch für sich selbst, füreinander und für die Welt zu sorgen. Unser Projekt „Wirtschaft ist Care“ lädt euch ein, auf eine besondere Entdeckungsreise zu gehen. Kein gewöhnlicher Spaziergang, sondern Exkursionen zu Orten, die euch zeigen, dass Wirtschaft Care ist: Ein Lebensweg von dem Geburtshaus, in dem das Leben beginnt, über familiäres und studentisches Leben, bis hin zu der Pflege im Krankenhaus, in dem Menschen eventuell sogar in ihrer letzten Lebensphase begleitet werden. In zwei verschiedenen Routen unterschiedlicher Länge könnt ihr eintauchen in das andere (wirtschaftliche) Leben der Stadt und reflektieren, welche Berührungspunkte und Erfahrungen ihr bereits gesammelt habt. Die zwei Routen sind auf der Übersichtskarte unter “Stationen” farblich mit pink bzw. gelb markiert. Wer Lust auf einen langen Spaziergang hat, kann beide Routen kombinieren.

Was verbindet Wirtschaft mit Fürsorge? Weitaus mehr, als es auf den ersten Blick scheint. „Denn Sorgearbeit ist ein lebensnotwendiges Element jeder Ökonomie.“ (Winker & Neumann 2023: 58). „Zwei Drittel aller Arbeitsstunden […] sind in Deutschland Care-Tätigkeiten.“ (ebd.: 58). Gleichzeitig werden solche Care-Tätigkeiten immer noch häufiger von Frauen verrichtet (vgl. BMBFSFJ 2025: 12). Care-Arbeit in den Fokus zu nehmen, bedeutet damit auch Geschlechterverhältnisse kritisch zu reflektieren.

Doch was ist Care bzw. Sorgearbeit? „Sorgearbeit, auch Reproduktionsarbeit genannt oder mit dem englischen Begriff Care bezeichnet, umfasst all jene täglichen Aufgaben, die Menschen für ihr eigenes Wohlergehen und das Wohlergehen ihrer Gemeinschaft leisten“ (I.L.A. Kollektiv 2017: 28). Warum ist wichtig den Begriff Care zu unserem Wirtschaftsbegriff zu ergänzen? Die feministische Ökonomin Ulrike Knobloch konstatiert: „Um diese Tischlein-deck-dich-Ökonomie zu überwinden, ist der ökonomische Gegenstandsbereich um die ganze unbezahlte Arbeit zu erweitern, also um die Haus- und Betreuungsarbeit ebenso wie um die formelle und informelle Freiwilligenarbeit“ (Knobloch 2019: 16f.). Feministische Ökonominnen kritisieren, dass in der momentanen, v.a. neoliberal geprägten Mainstream-Ökonomie solche care-bezogenen Tätigkeiten (z.B. Pflege) ausgeblendet und unsichtbar gemacht werden.

Mit diesem Spaziergang wollen wir dazu anregen, über den Wirtschaftsbegriff zu reflektieren, Care mitzudenken, den Wirtschaftsbegriff zu erneuern und zu erweitern. Dabei geht es um weit mehr als Geld: Es geht um das Leben selbst. Um die Menschen, die für andere da sind, um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und tägliche (Selbst-)Fürsorge. Dieser Weg richtet sich an alle, die sich mit einer anderen Wirtschaftsweise beschäftigen möchten. Dies haben wir auf nach der Vorlage des Vereins Wirtschaft ist Care (WiC) gemeinsam im Rahmen des Seminars Feministische Ökonomie an der Universität zu Köln im Wintersemester 2025/26 herausgearbeitet und wollen dies nun auch euch näherbringen. Begleitet uns auf dieser Entdeckungstour von Orten rund um unsere Universität, die zur Reflexion über den Wirtschaftsbegriff einladen, unsichtbare Teile des Wirtschaftens sichtbar machen und Care-Arbeit in ihren Mittelpunkt stellen.

Quellen: Bündnis Sorgearbeit fair teilen: Sorgearbeit- wer kümmert sich? (2026), in: //www.sorgearbeit-fair-teilen.de/sorgearbeit/sorgearbeit-wer-kuemmert-sich/.

Evangelischer Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt: Arbeitszeitverkürzung ermöglicht die gerechte Verteilung von Care-Arbeit. Website (2026), in: //www.kwa-ekd.de/project/arbeitszeitverkuerzung-ermoeglicht-die-gerechte-verteilung-von-care-arbeit/.

I.L.A. Kollektiv (2017): Auf Kosten Anderer? München.

Knobloch, Ulrike (2019): Ökonomie des Versorgens. Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum. Weinheim.

Nicolai, Walter (1990): Zur Bedeutung des Oikos-Gedankens im homerischen Epos. In: Ho homērikos oikos: apo ta praktika tu 5. Synedriu gia tēn Odysseia, (11 - 14 Septembriu 1987). Ithakē.

Praetorius, Ina (2015): Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen. Berlin.

Winker, Gabriele & Neumann, Matthias (2023): Care-Revolution als sozial-ökologische Transformationsstrategie. In: Meier-Gräwe et. al. (Hrsg.): Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Opladen, Berlin und Toronto.