Wirtschaft ist Care

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Kultur

Autor*innen: Vivien Gutberlet, Maja Marmann, David Lengersdorf, Hanna Wagner, Adrian Egerding

Adresse

Brüsseler Platz
50674 Köln

Bild: Vivien Gutberlet

Brüsseler Platz

Der Brüsseler Platz liegt im Belgischen Viertel in Köln und ist von vielen Bars, Kneipen und Cafés umgeben. Vor allem im Sommer, an warmen Abenden, treffen sich hier viele junge Leute, um draußen zu sitzen, ein paar Drinks zu trinken und von dort aus gemeinsam in die umliegenden Bars weiterzuziehen. Zuletzt haben sich Beschwerden wegen hohen Lärms rund um den Platz gemehrt, sodass die Stadt oben dargestellte Maßnahmen beschlossen hat (vgl. Kölner Stadtanzeiger, 16.03.2026)

Die Initiative Klubkomm positioniert sich in diesem Konfliktfeld als Stimme der Club- und Nachtkultur und versteht diese explizit als Teil urbaner Daseinsvorsorge. Clubs, Bars und informelle Treffpunkte leisten Beziehungsarbeit, schaffen soziale Räume, ermöglichen kulturelle Teilhabe und tragen zur emotionalen und sozialen Gesundheit einer Stadt bei.

Quelle: //www.ksta.de/koeln/koelner-innenstadt/laermschutz-verwaltungsgericht-droht-der-stadt-koeln-mit-strafe-wegen-bruesseler-platz-1245027 https://www.klubkomm.de/


Wirtschaft ist Care

Die Auseinandersetzungen um den Brüsseler Platz in Köln, insbesondere die Debatten über Sperrzonen, Aufenthaltsverbote und nächtliche Nutzung, machen grundlegende Fragen des städtischen Zusammenlebens und von Kultur sichtbar: Wie wird öffentlicher Raum verteilt? Welche Rolle spielt dabei Kultur oder insbesondere auch konsumfreies Verweilen? Wessen Bedürfnisse werden priorisiert? Die Diskussionen zeigen, dass urbane Konflikte nicht nur ordnungspolitische oder wirtschaftliche Fragen sind, sondern eng mit Fürsorge, Verantwortung und gegenseitiger Rücksichtnahme verbunden sind. Öffentlicher Raum ist kein neutraler Ort, sondern ein sensibler Aushandlungsraum zwischen Anwohner*innen, Besucher*innen, Kulturschaffenden, Verwaltung und Politik.

Kulturelle Teilhabe ist als Menschenrecht im UN-Sozialpakt (Artikel 27) verankert. In Bezug auf einen breiten Kulturbegriff, „hat jeder und jede an Kultur teil und prägt sie mit: Wie wir uns kleiden, wie wir uns einrichten, wie wir unsere Freizeit gestalten“ (Mandel 2025). Häufig werden mit „wahrer“ Kultur hauptsächlich hochkulturelle Angebote wie Opern- oder Theaterbesuche assoziiert. Solche werden jedoch mehrheitlich von sozioökonomisch privilegierten Personen frequentiert (vgl. ebd). Auch ein Bericht des Kölner Kulturamts zeigt, dass es zahlreiche Hürden für die kulturelle Teilhabe gibt, darunter auch finanzielle (vgl. Kulturamt der Stadt Köln 2022, S.9ff.)

Feministische Ökonom*innen möchten Aktivitäten, die das gute Leben in den Mittelpunkt stellen und nicht allein in monetären Verwertungslogiken denken, mit einem Fokus auf Care sichtbar machen. Erwerbsarbeit sei zwar zentral für unseren Lebensunterhalt und Sozialleben, jedoch nur Teil des Lebens, welches auch „Reproduktionsarbeit, Arbeit in und für Kultur, Gemeinwesen und Politik, (Arbeit) an sich selbst und in Beziehungen“ (Plonz 2019, S.185) umfasse. Orte wie der Brüsseler Platz verkörpern diesen Gedanken und gleichzeitig dessen Umkämpfheit: Hier wird kosumfreies bzw. kostengünstiges Zusammenkommen möglich.

Die Soziologin Frigga Haug hat mit ihrem 4-in-1-Konzept eine Perspektive entwickelt, die kulturelle Arbeit explizit als gleichwertigen Teil des Tages neben Erwerbsarbeit, Reproduktionsarbeit und politischem Engagement sieht (vgl. ebd. 2014). Aus dieser Perspektive ist die Frage, ob Menschen Zeit, Geld und Raum für kulturelle Teilhabe haben, keine Frage des Luxus, sondern eine der gesellschaftlichen Grundversorgung und damit von Care.

Quellen: Kulturamt der Stadt Köln (2022): Kultur in Köln machen und erleben können. Förderkonzept Kulturelle Teilhabe. Online verfügbar unter: //www.stadt-koeln.de/artikel/04489/index.html [letzter Abruf: 16.03.26]

Plonz, Sabine (2019): Menschwerdung und ethische Praxis im Kapitalismus. In: Knobloch, Ulrike (Hrsg.): Ökonomie des Versorgens. Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum, Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S.169-195.

Mandel, Birgit (2025): Kulturelle Teilhabe im Wandel. Online verfügbar unter: Teilhabe im Wandel | Kulturpolitik | bpb.de [letzter Abruf: 16.03.26]

Haug, Frigga (2014): Die Vier-in-Einem-Perspektive und Hegemoniekämpfe um Arbeit. In: Konzeptwerk neue Ökonomie (Hrsg.): Zeitwohlstand. München, S. 33-38.