Wirtschaft ist Care

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Wohnen

Autor*innen: Luca Hoyer, Nico Redman und Benjamin Merkle

Adresse

Gemünder Straße 2
Köln

Wohnungsgenossenschaft Köln-Sülz eG

Lindenthal ist ein sehr begehrtes Stadtviertel. Die Nähe zur Innenstadt, dem Stadtwald und der Universität sorgen dafür, dass viele Leute in Lindenthal wohnen wollen. Die Mieten sind dementsprechend hoch und Lindenthal gilt als ein Viertel, das sich eigentlich nur noch wohlhabende Familien leisten können. Für Studierende, Rentner*innen, junge Familien und alle anderen die eher weniger Geld zur Verfügung haben, ist es daher kaum möglich bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Verschiedene Genossenschaften wie die Wohnungsgenossenschaft Köln – Sülz eG versuchen dem etwas entgegenzusetzen. Sie sind gemeinnützig organisiert und daher nicht an Gewinnen interessiert.

Wohnungsgenossenschaft Köln – Sülz eG: Die Rolle der Wohnungsgenossenschaften früher und heute. Online abrufbar unter: //www.diesuelzer.koeln/ueber-uns/gegenwart-und-zukunft (Zugriff am 19.02.2006)


Wirtschaft ist Care

Wohnen heißt, einen Ort zu haben, an dem Sorge möglich wird. Einen Ort, an dem ich mich zurückziehen kann und zugleich nicht allein bin. In gemeinschaftlichen Wohnprojekten wird darüber hianus Wohnen nicht nur als private Angelegenheit verstanden, sondern als gemeinschaftliche Praxis, in der Räume wie Care-Arbeiten und damit Verantwortung geteilt wird. Küchen, Höfe, Werkstätten, Gästezimmer oder Waschräume sind nicht bloß funktionale Flächen, sondern Orte der Begegnung und der gegenseitigen Unterstützung. Hier entsteht Care nicht als Zusatz, sondern als Teil des Wohnens selbst. Die noch dominante Ordnung trennt Wohnen und Arbeiten künstlich voneinander. Wirtschaft soll angeblich draußen stattfinden, im Büro, in der Fabrik, auf dem Markt. Das Wohnen gilt als Rückzugsraum, als Ort der Reproduktion, des Konsums, der Ruhe. Feministische Ökonom*innen kritisieren, dass es sich bei dieser Trennung um eine Illusion handelt. Auch im Wohnraum wird gearbeitet: Sorgearbeit, Organisationsarbeit, emotionale Arbeit halten das Leben am Laufen, bleiben aber oft unsichtbar und unbezahlt (Behrends/Kott/Krüger, 2024).

Gleichzeitig verkommt Wohnen immer mehr zur Ware in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Laut dem Wohnungsmarktbericht 2024 der Stadt Köln lag die durchschnittliche Mietbelastungsquote – also der Anteil des Haushaltsnettoeinkommens, der für die Nettokaltmiete aufgewendet wird – im Jahr 2023 bei rund 32,5 %. In einkommensschwächeren Haushalten betrug die Quote sogar etwa 47 % (Stadt Köln, 2024). Damit liegt ein erheblicher Teil der Haushalte über der häufig genannten Belastungsgrenze von 30 %. Dabei ist und bleibt Wohnen weiterhin der primäre Ort unbezahlter Sorgearbeit. Hier werden Kinder betreut, Angehörige gepflegt, Mahlzeiten zubereitet und emotionale Unterstützung geleistet. Diese Tätigkeiten sind ökonomisch produktiv, auch wenn sie nicht direkt messbar sind. Feministische Ökonominnen weisen darauf hin, dass die Reproduktion von Arbeitskraft eine konstitutive Voraussetzung für marktförmige Produktion darstellt. Eine passende Anekdote hierfür liefert die Ökonomin Charlotte Perkins Gilman: Sie heiratete ihren zweiten Mann nur unter der Bedingung, dass die gemeinsame Wohnung keine eigene Küche besaß. Damit kritisierte sie die ineffiziente und geschlechtsspezifisch organisierte Privatisierung von Hausarbeit. Gilman plädierte für kollektive Versorgungsstrukturen – gemeinschaftliche Küchen und geteilte Dienstleistungen –, um Care-Arbeit neu zu organisieren und ökonomisch sinnvoller zu gestalten. Die Organisation des Wohnens ist somit unmittelbar mit der Organisation von Care und Fragen der Geschlechtergerechtigkeit verbunden (Haidinger/Knittler, 2019, S.18).

Quellen: Behrends, S./Kott, K./Krüger, N. (2024). Zeitverwendung für bezahlte und unbezahlte Arbeit, Gender Care Gap. Online abrufbar unter: //www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553243/zeitverwendung-fuer-bezahlte-und-unbezahlte-arbeit-gender-care-gap/ (Zugriff am 04.03.2026).

Haidinger, B., & Knittler, K. (2019). Was ist feministische Ökonomie? Mandelbaum Verlag.

Stadt Köln. (2024). Wohnungsmarktbericht Köln 2024. Amt für Stadtentwicklung und Statistik. Online abrufbar unter: //www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf15/statistik-bauen-und-wohnen/ksn_2_2024_wohnungsmarktbericht_k%C3%B6ln_2024.pdf (Zugriff am 04.03.2026).

Moser, S. (2023). Wohnen ist politisch: Der Beitrag gemeinschaftlicher Wohnprojekte zu einer care-zentrierten Zukunft. In I. Meier-Gräwe, I. Praetorius & J. Tecklenburg (Hrsg.), Wirtschaft neu ausrichten.